Max-Brauer Allee zwischen Rathaus und Strese. Willkommen im Fight-Club.

An wenigen Orten in Hamburg sieht man so viele Gehwegradler wie auf diesem Stück der Max-Brauer Allee. Ursachen sind fehlende oder unzureichende Radverkehrsanlagen, Überlastung durch MIV,  mit Rad kommt man oft nicht am (Ampel-)stau vorbei, hohe Busbelastung (3 Metrobuslinien  plus Linie 183), viele Schüler. Ich selbst meide dieses Stück, wenn es irgend geht.

Die Radverkehrsführung ist erratisch, wild wechseln handtuchschmale, mit Fußgängern bevölkerte Radwege, per Strich unterteilte Rad-Gehwege, reiner Mischverkehr und Radstreifen, die zu allem Überfluss teils extra mit Kopfstein aufgepflastert sind, miteinander ab. Hinzu kommen bad vibrations und böse Erinnerungen.

Eine kleine, höchst unvollständige Auswahl meiner Highlights:

  • Der Smartfahrer, der mich beim Linksabbiegen in die Hospi  innen überholte und trotz Schneeglätte brutal nach außen in den höheren Schnee abdrängte, laut aus dem Fenster brüllend: “Wie fährst du denn? Du bist doch kein Auto!”.
  • Oder die Radfahrerin mit Kind auf dem Kindersitz, der ich als Busfahrgast und Zeuge zur Hilfe kam: Sie hatte sich an der Haltestelle Gerichtsstrasse beim Busfahrer beschwert, es sei verantwortungslos, dass er sie fast ohne Abstand überholt hätte. Die aggressiv hervorgebrachte Antwort: Es sei doch wohl sie, die verantwortungslos wäre, hier, noch dazu mit Kind, radzufahren.
  • Die junge Frau, 16-18jährig, die ich, damals noch Taxifahrer, vom Fahrrad geholt habe. Sie kam von rechts, in falscher Richtung auf dem Bürgersteig radelnd. Ich wollte von der Bodenstedt links in die Max-Brauer, der Verkehr dort hatte gerade Rot und ich wollte die Chance schnell nutzen. Pardauz – da lag mir ein Mensch vor der Stoßstange. (Glücklicherweise war meine Notbremsung erfolgreich und weder ihr noch dem Rad etwas passiert – außer dem Schock natürlich. Ich habe sie dann samt Rad zu ihrem Ziel in die Schanze gefahren  und ihr meine Karte, falls doch noch Beschwerden auftreten sollten, sowie 50€ Schmerzensgeld “für’n Essen oder so” gegeben – und Feierabend gemacht.)
  • usw. usf

Wer grad mal seine Aggressionen austoben will: Willkommen im Fight-Club. Ansonsten, wenn’s irgend geht, einen großen Bogen radeln.

Erst kürzlich überregional bekannt geworden ist die Max-Brauer Allee durch das Urteil des Verwaltungsgerichts Hamburg im November 2014. Hier heißt es:

Die Beklagte [die Stadt Hamburg] wird verurteilt, den derzeit in seiner Fassung der 1. Fortschreibung vom 28. Dezember 2012 gültigen Luftreinhalteplan für die Freie und Hansestadt Hamburg so zu ändern, dass dieser die erforderlichen Maßnahmen zur schnellstmöglichen Einhaltung des über ein Kalenderjahr gemittelten Immissionswertes für NO2 in Höhe von 40 μg/m³ enthält. …

Der Kläger zu 1) wohnt in der Max-Brauer-Allee. Er macht geltend, an seinem Wohnort und auf dem mit dem Fahrrad bewältigten Weg zur Arbeitsstätte … werde der Immissionsgrenzwert für NO2 von 40 μg/m³ mit einem Wert von 65 μg/m³ im Jahresmittel (Max-Brauer-Allee 92) erheblich überschritten. Seine Gesundheit sei durch die andauernden NO2-Immissionen gefährdet. Mit den nach der Fortschreibung des Luftreinhalteplans vorgesehenen Maßnahmen sei nach den Feststellungen der Beklagten eine Reduzierung der Immissionen bis auf den gesetzlichen Grenzwert selbst bis zum Jahr 2026 nicht zu erreichen. …

 

Nach langem Hin und Her einigten sich SPD und Grüne darauf, keine Berufung gegen dieses Urteil einzulegen.

Kurz- und Langzeitwirkungen von NO2, Auszug

[Kurzeitwirkungen]

Anhand von Expositionskammer-Untersuchungen an gesunden und vorgeschädigten Testpersonen (insbesondere Jugendliche mit leichten Formen von Asthma) konnte nachgewiesen werden, dass eine (kurzfristige) Belastung gegenüber NO2 zu einer Verschlechterung der Lungenfunktion führt. Hierbei zeigten sich bei Vorgeschädigten vergleichbare Effekte schon bei deutlich niedrigeren Konzentrationen als bei gesunden Personen. In den meisten Studien ergab sich, dass die individuelle Empfindlichkeit sehr unterschiedlich ist (Kraft et al. 2005).

Zudem konnte im Tierversuch gezeigt werden, dass Stickstoffdioxid zur Hyperreagibilität der Atemwege führt. Hyperreagibilität ist ein Risikofaktor für die Manifestation von Asthma (Kraft et al. 2005)….

[Langzeitwirkungen]

… In verschiedenen Kohorten- bzw. Fall-Kontroll-Studien konnte bei Zunahme der langjährigen PM 10, PM 2.5 [Feinstäube mit jeweils 50% Anteil von 10 µm oder 2.5µm Teilchendurchmesser, einen höheren Anteil kleinerer Teilchen und einen niedrigeren Anteil größerer Teilchen] NO2-Belastung eine Zunahme der Sterblichkeit (alle Todesursachen, Herz- und Atemwegserkrankungen, Lungenkrebs) und/oder der Häufigkeit von Lungenkrebs, chronischen Atemwegsbeschwerden bei Erwachsenen, Hustenepisoden und Bronchitis bei Schulkindern, chronischer Bronchitis bei Kindern mit diagnostiziertem Asthma und Lungenfunktionsverschlechterungen bei Schulkindern festgestellt werden….

(Hervorhebungen von mir)

Zur Einstimmung auf diesen Post habe ich mich am vergangenen Freitag mit Klappstuhl und Klemmbrett, leider ohne Kamera, für eine kleine Radverkehrszählung vor Ort begeben.

An der Kreuzung Max-Brauer/Julius-Leber Str/Chemnitzstr. (Mischverkehr) zählte ich von 7.45 bis 8.15 Uhr 111 Radfahrer, davon 59 weiblich und 55 männlich. 26 davon (14 w/12 m) waren offensichtlich Schüler des in meinem Sichtfeld liegenden Gymnasium Allee. Alle Schüler bis auf einen Jungen sowie 11 andere Radler (4 Frauen, 7 Männer) radelten auf dem Gehweg. Kindermitführende Radler, um diese Zeit eigentlich recht viel unterwegs, habe ich dort keine gesehen.

Den Anteil der Gehweg-Radler fand ich, im Gegensatz zu meiner sonstigen Wahrnehmung, recht klein. Das kann an meiner sonstigen Wahrnehmung, aber auch daran liegen, dass um diese Uhrzeit hauptsächlich mischverkehrsgestählte Berufs-Pendler unterwegs sind.

Zu fragen ist:

Zur Gesundheitssituation

  • Sind dem Bezirk die unhaltbaren Verkehrszustände und die daraus resultierenden Belastungen für die Bürger und Anwohner bekannt?
  • Ist dem Bezirk bekannt, dass das Gymnasium Allee sich an der Max-Brauer Allee 83 befindet und die Schüler damit denselben vom Verwaltungsgericht inkriminierten, schon für Erwachsene gesundheitsschädlichen NO2 Belastungen weit über der zulässigen Höchstgrenze wie an der Max-Brauer Allee Nr 92 ausgesetzt sind?
  • Wird die Schule verlegt?
  • Wird den Schüler abgeraten, den Schulweg, zumindest während der morgendlichen Rush-Hour, zu Fuß oder per Rad ohne Atemschutz zu absolvieren?
  • Wird Schülern mit Vorerkrankungen der Atemwege wie Asthma oder Bronchits zum Schulwechsel geraten und werden ihre Eltern informiert?
  • Gibt es noch andere Schulen im Bezirk Altona, in denen die Schüler vergleichbar hohen Gesundheitsschädigungen durch Abgase ausgesetzt sind? Ist ein statistischer Zusammenhang zwischen der Atemluftbelastung der Schülerschaft im nahen Umkreis der jeweiligen Schule und ihrer sozialen Herkunft (Durchschnittseinkommen der Eltern, Migrationshintergrund etc) feststellbar?

Zur Verkehrssituation

  • Weshalb herrscht auf diesem Stück der Max-Brauer Allee trotz der hohen Schadstoffbelastung, trotz der hier gelegenen Schule (zur einmaligen Querung der hoch MIV-belasteten Strasse müssen von den Schülern 2 Ampeln passiert werden) und trotz des hohen, im Mischverkehr geführten Radanteils  immer noch Tempo 50?
  • Warum gibt es trotz des hohen Anteils an Schülerverkehr keine geschützten Radverkehrsanlagen, so dass die Schüler in die gefährliche und unfallauffällige falsche Flächennutzung (“Gehwegradeln”) gedrängt werden?
  • Warum gibt es vor der Schule von der gegenüberliegenden Bushaltestelle keinen durchgängigen ampelgesicherten Fußgänger-Übergang?
  • Gibt es  Planungen des Bezirks oder des Verkehrsausschusses, an diesen Zuständen etwas zu ändern?

Am Montag, dem 21. September findet im Kollegiensaal des Rathauses Altona, Platz der Republik 1, eine Sondersitzung des Verkehrsausschusses Altona statt. Dem Vernehmen nach soll es ausschließlich um Radverkehr gehen. Eine Tagesordnung liegt noch nicht vor.

 

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