Frage und Antwort mit Marc Requardt, dem neuen Jugendbeauftragten des ADFC HH

Am 02.09.2015 stolperte ich über eine Meldung auf der Website des ADFC HH “Unser neuer Mitarbeiter für die Jugendarbeit“.

(Marc Requardt, Jugendbeauftragter beim ADFC HH, Foto: ADFC HH)

Dass die Radverkehrspolitik des ADFC HH Kinder und Jugendliche in ihren Bewegungsräumen massiv einschränkt und zu erheblichen Sicherheitsdefiziten bei dieser, für die Etablierung einer Nachhaltigkeit des Mobilitätsverhaltens so eminent wichtigen Altersgruppe führt, das ist einer meiner wesentlichsten Kritikpunkte am ADFC HH.

Ich begrüße deshalb die Berufung eines Jugendbeauftragten (Jb) und damit die Umsetzung des Beschlusses der 32. Bundeshauptversammlung des ADFC vom November 2011 (“Etablierung der Jugendarbeit im ADFC “) nun auch im ADFC HH uneingeschränkt.

Diese 32. Bundeshauptversammlung des ADFC 2011 hatte eine ähnliche Bedeutung für den ADFC wie das 2. Vatikanische Konzil für die Röm.-Kath. Kirche. Die “Verkehrswende” wurde ausgerufen, “Jugendarbeit” wurde beschlossen und der fortschrittliche Münsteraner Burckhardt Storck, heute leider von den Vertretern der Wahren Lehre (Mischverkehr, Radstreifen) weitgehend eingemauert, wurde Bundesgeschäftsführer.

Natürlich bin ich nicht so naiv zu glauben, dass der ADFC HH mit der Berufung eines Jb jetzt stante pede eine Kehrtwende zu einer kinder- und damit radverkehrsfreundlichen Politik vollführt. Selbst wenn das im ADFC HH gewollt wäre – was es nicht ist -, das liegt kaum in der Macht der Funktionäre. Der sich bereits abzeichnende Niedergang der politischen Glaubwürdigkeit und (relativen) Bedeutung der Kfz-Industrie und damit der Niedergang ihres gewaltigen Einflusses auf die Meinungsbildung der verkehrspolitisch interessierten Öffentlichkeit und damit auch auf die Meinungsbildung beim  ADFC spielt hier, in der Etablierung einer fehlertoleranten Radinfrastruktur und der notwendigen generellen Umstrukturierung des urbanen Verkehrsraums, die entscheidende Rolle.

Trotzdem ist die Berufung eines Jb für den ADFC HH ein kaum zu unterschätzender Schritt. Dieser Schritt bedeutet nichts weniger, als dass Kinder und Jugendliche jetzt als Radfahrer auf dem Radar des ADFC HH erschienen sind. Das ist die Voraussetzung dafür, dass die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen als Radfahrer auch  in der Politik des ADFC HH eine Rolle spielen können.

Ich wünsche dem Jugendbeauftragten Marc Requardt allen erdenklichen Erfolg.

Frage und Antwort

Angetan, überrascht und neugierig ob dieser vielversprechenden Entwicklung versuchte ich ein Interview mit Herrn Requardt zu organisieren. Das ist mir leider nicht gelungen. Immerhin habe ich nach einigen Telefonaten und E-Mails einen Fragenkatalog einreichen dürfen und auch Antworten erhalten.

Frage 1: Warum wurde ein Jugendbeauftragter (Jb) beim ADFC Hamburg installiert?

Antwort: Der ADFC-Hamburg will ein größeres Angebot für Kinder und Jugendliche schaffen. Besonders Jugendliche sollen die Möglichkeit erhalten, eigenständig zum Thema Radfahren aktiv zu werden.
Anzumerken bleibt, dass sich der Jugendbeauftragte ehrenamtlich im Rahmen eines Bundesfreiwilligendienstes engagiert. In Abhängigkeit der finanziellen Mittel wollen wir unsere Arbeit im Jugendbereich aber ausweiten.

Frage 2: Sehen wir eine Erweiterung oder sogar eine Abkehr von der, zumindest von einigen Kritikern beanstandeten, bisherigen Fokussierung auf Sport- bzw. sportlichen und Freizeit-Radverkehr?

Antwort: Weder noch. Der ADFC Hamburg will weiterhin alle stärken, die das Fahrrad nutzen (inkl. Kinder und Jugendliche) und den Fokus auf Missstände lenken, die Bürger/innen noch am Radfahren hindern. Wir fokussieren dabei derzeit stark auf den Alltagsverkehr.

Frage 3: Was sind die Aufgaben des Jb beim ADFC HH?

Antwort: Der Jugendbeauftragte soll mit seinen Erfahrungen aus Wissenschaft und Praxis dazu beitragen das Profil des Bereichs Kinder und Jugend zu schärfen. Zudem beschäftigt er sich mit der Erweiterung des Angebots für Kinder und Jugendliche und deren Einbindung in den ADFC-Hamburg. Zu diesem Zweck werden zwei Arbeitskreise (AK) aufgebaut und vorangetrieben – der AK Kinder und der AK Jugendliche.
Auf der ADFC Landesversammlung und dem ADFC Aktivenwochenende erhielten/erhalten Mitglieder durch eine Ideen-Box die Möglichkeit, eigene Vorschläge zur Ausgestaltung der Arbeitskreise einzubringen.

Frage 4: Beschränkt sich Arbeit des Jb auf die Organisierung von Freizeitaktivitäten a la Tagestouren-Programm bzw. die Integration der Jugendlichen in diese?

Antwort: Von dem neuen Mitarbeiter werden auch Radtouren für Kinder und Jugendliche angeboten werden; dazu wird er zum Radtourenleiter ausgebildet. Seine Arbeit geht aber darüber hinaus (siehe oben).

Frage 5:  Wie sieht der Jb /wie sieht der ADFC HH die Entwicklung der Mobilität der Kinder und Jugendlichen in HH? Stichwort: Besonders in den (Groß-)Städten schmilzt der Mobilitätsradius der Kinder schneller als die Eisscholle im Klimawandel.
Antwort: Wir brauchen vor diesem Hintergrund eine adäquate Infrastruktur, einfache und nachvollziehbare Regeln sowie eine ausreichend geringe Kfz-Geschwindigkeit – letzteres beinhaltet mehr Temporeduzierungen und -kontrollen. Außerdem müssen Kraftfahrer/innen auf Kinder im Straßenverkehr achten und ggf. Rücksicht nehmen (Sensibilisierung der Kraftfahrer/innen).
Wichtig ist aber auch, dass radfahrende Kinder 1) Gefahrensituationen erkennen und voraussehen können, 2) wissen, wie sie Gefahren vermeiden und wie sie sich in riskanten Situationen verhalten sollen, 3) Entfernungen und Geschwindigkeiten von Fahrzeugen einschätzen können, 4) aufmerksam sind und sich auf die für ihre Sicherheit wichtigen Aspekte des Straßenverkehrs konzentrieren.
Folglich sind (schulische) Verkehrserziehung und Mobilitätsbildung unabdingbar. Die Verkehrsausbildung, die die Polizei Hamburg in den Schulen macht, bewerten wir als gut. Weniger gut bewerten wir, dass Eltern ihre Kinder zunehmend mit dem Auto zur Schule bringen – denn dadurch wird der Verkehr vor den Schulen noch unsicherer.

Frage 6: Länder und Städte mit noch vorhandener Alltags-Radverkehrskultur (vor allem Nord-West-Europa ohne GB) setzen bei der Implementierung von mehr Radverkehr wegen des Nachhaltigkeitsfaktors der kindlichen Mobilitätsmuster vor allem auf Radverkehrsangebote für die Alltagsmobilität von Kindern und Jugendlichen. Hält der Jb/der ADFC HH dies auch in HH für eine geeignete Strategie?
Antwort: Der ADFC Hamburg hält die Berücksichtigung der Belange von Kindern und Jugendlichen für wichtig. Es ist wichtig, dass Gefahrenstellen ermittelt und entschärft werden (siehe Antwort zu Frage 5).

Frage 7*: Wie wird sich nach Meinung des Jb /des ADFC HH die in HH geplante weitgehende Verlagerung des Radverkehrs auf die Fahrbahn (Mischverkehr/Streifenpolitik) auf die Kinder- und Jugendmobilität auswirken? Sind dem Jb /dem ADFC HH die Arbeiten der Verkehrspsychologin Maria Limbourg und insb. ihr Vortrag “Überforderte Kinder im Strassenverkehr” bekannt?
Antwort: Es ist eine gute Voraussetzung für die Verkehrssicherheit von Radfahrenden (inkl. Kinder und Jugendliche), wenn sie auf der Straße im Sichtfeld der Kraftfahrer/innen sind. Allerdings müssen Kinder im Fahren auf dem Radfahrstreifen geschult werden.
Mit den Arbeiten der Verkehrspsychologin Maria Limbourg hat sich der ADFC Hamburg befasst.

Frage 8: Erscheint dem Jb / dem ADFC HH, besonders vor dem Hintergrund der aktuellen Radverkehrspolitik und der Zunahme des “Mama-Taxi” Verkehrs, ein Radschulwegprogramm wie z.B. in BaWü auch für Hamburg angezeigt?

Antwort: Ein Projekt Radschulweglan, wie in Baden-Württemberg durchgeführt, wird vom ADFC Hamburg begrüßt. Es werden dadurch Gefahrenstellen sichtbar. Zum anderen tragen derartige Projekte zur (schulischen) Verkehrserziehung und Mobilitätsbildung bei.

Frage 9: Was hält der Fb/der ADFC HH von Entwicklungen wie die von dem dem “Zukunftsforum Blankenese” organisierten “Schülerkongress zum sicheren Radfahren im Stadtteil”?

Antwort: Der ADFC Hamburg begrüßt das Zukunftsforum Blankenese und brachte/bringt sich in dieses ein.

Die Fragen waren in der betreffenden Mail von mir numeriert worden. Da sich die Antworten z.T. auf die Numerierung beziehen, habe ich diese beibehalten. Die Antworten sind, wie es erforderlich war, mit der ADFC Referentin für Verkehr abgestimmt.         Soweit das “Interview”.

Meine Nachbetrachtung:

Leider waren in diesem von uns schlussendlich gewählten Verfahren situativ vertiefende Fragen auf diejenigen Antworten nicht möglich, die mir, dem Interviewer, unverständlich waren oder die mir vielleicht allzu gestanzt und floskelhaft daherkamen.

In meiner Anfrage hieß es:

Das Ganze stelle ich mir eingebettet vor in einen Post zu den Problemen,  Möglichkeiten und Entwicklung kindlicher und jugendlicher Radmobilität in Hamburg bzw (vergleichend) in anderen Städten.

Das gab das “Interview” aufgrund des Procederes und auch aufgrund der Unbestimmtheit meiner Fragen nicht her. Andererseits: Das bloße Kommentieren von Antworten im Nachhinein, ohne dass der Interviewte die Möglichkeit zu einer abermaligen Antwort hätte, das wäre unfair.

Ich entscheide mich deshalb für einen Mittelweg: Ich lasse die Antworten  unkommentiert stehen und beschränke mich auf die Erläuterung meiner Frage 7 – und kommentiere damit indirekt die Antworten zu diesem Themenumfeld – , die denjenigen Lesern Rätsel aufgeben mag, denen Professor Maria Limbourg vielleicht nicht so bekannt ist wie, nach eigener Angabe, dem ADFC und wie mir.

Professor Maria Limbourg von der Uni Essen ist die Doyenne der Verkehrspsychologie der Kinder. Ihre Forschung und deren Ergebnisse sind in der deutschen und internationalen Verkehrspsycholgie der Kinder standardsetzend. Dieser von Prof. Limbourg gesetzte Forschungs- und Wissenschaftsstandard ist unwidersprochene Lehrmeinung in der Verkehrspsychologie der Kinder.

Im  Fazit ihres von mir in Frage 7 angesprochenen Vortrags “Überforderte Kinder im Strassenverkehr” auf dem Verkehrsgerichtstag Goslar, 1998 heißt es:

Mit ca. 14 Jahren sind die Fähigkeiten zum sicheren Radfahren vollständig entwickelt….

Durch geeignete Trainingsprogramme läßt sich die Verkehrssicherheit von Kindern als Fußgänger und Radfahrer erhöhen, es bleibt aber immer ein beachtliches Restrisiko, da sich auch „trainierte” Kinder hin und wieder ablenken lassen, um dann (doch) ohne sich umzusehen plötzlich auf die Fahrbahn zu laufen oder unerwartet mit ihrem Fahrrad auf der Fahrbahn „aufzutauchen” (vgl. LIMBOURG, 1995). Der „Ablenkbarkeit” kommt in Zusammenhang mit kindlichen Verkehrsunfällen eine große Bedeutung zu. Kinder können zwar „einsichtig” sein, aber nur dann, wenn sie die gefährliche Situation auch beachten, d.h. wenn sie ihre Aufmerksamkeit auf diese Situation richten. Und diese Fähigkeit ist erst mit ca. 14 Jahren vollständig entwickelt. Vorher lassen sich Kinder immer wieder „ablenken”.

Dies hat der ADFC HH offenbar nicht verstanden oder nicht verstehen wollen. Was bedeutet das?

Schlüsselbegriffe sind die absichtsvoll wiederholt in Anführungszeichen gesetzten Wörter “Ablenkbarkeit” und “ablenken” lassen. Diese “Ablenkbarkeit” bzw das “ablenken” lassen bestehen nur in einer unverständigen subjektiven Sicht der Erwachsenenwelt. Aus der Sicht des Kindes und auch aus objektiver wissenschaftlicher Sicht  ist diese “Ablenkbarkeit” das genaue Gegenteil, nämlich eine Fokussierung. Eine Fokussierung auf das, was dem Kind in diesem Moment wichtig ist.

Dieses Fokussieren können, dieses etwas oder jemandem die ungeteilte, unabgelenkte Aufmerksamkeit zuwenden können, das macht einen großen Teil des Kindseins aus und ist eine notwendige Bedingung für die kindliche Entwicklung. Kinder lernen, indem sie den Dingen möglichst auf den Grund gehen. Dazu müssen sie sich auf für sie neue Reize konzentrieren.

Dieser Reiz kann der Umwerfvorgang der Fahrradschaltung an den vorderen Kettenblättern sein, der wieder und wieder beobachtet wird, bis man das faszinierende Ineinandergreifen von Schaltzug, Umwerfer, Kette und Kettenblättern verstanden hat. Es kann der Tacho sein. Es kann der Bagger sein, der auf der Baustelle neben der Straße in Betrieb ist. Es kann alles sein.

Es kann aber auch ein sozialer Reiz sein. Kinder lernen früh, dass das Eingehen auf Personen für ihre eigene Stellung in sozialen Verband entscheidend ist. Sie müssen sich deshalb (zufällig vorbeikommenden) Personen mit aller Konzentration zuwenden (“abgelenkt” sein), um  ihr Verhalten lesen zu lernen, um daraus möglichst adäquate eigene Reaktionen abzuleiten und wiederum aus der Reaktion des Gegenüber auf die eigene Reaktion zu lernen. Ein schwieriges, höchste Aufmerksamkeit forderndes Geschäft, bei dem es um nichts weniger geht, als die Stellung im sozialen Verband – König oder Bettler.

Das sind einige Beispiele dafür, dass zum Kindsein – was ein Vorbereitungsstadium für das spätere Erwachsensein darstellt – “Ablenkbarkeit”, d.h. volle Konzentration wesentlich dazugehört. Diese Fähigkeit zur kindlichen Konzentration auf neue Reize (“Ablenkbarkeit”)  ist eine Grundvoraussetzung dafür, das ungeheure Lernpensum, das Kinder auf dem Weg zum Erwachsenwerden zu bewältigen haben, überhaupt schaffen zu können.

Keine Verkehrserziehung und kein Trainung der Welt kann Kindern diese “Ablenkbarkeit” austreiben.   Ebensowenig, wie man Männer bei allen Anstrengungen zur Genderisierung zum Kinderkriegen erziehen kann. Das geht nicht. Die “Ablenkbarkeit” macht Kindsein aus.

Die extreme Verlängerung der Kindheit, des Lernstadiums unserer Spezies, das den Eltern übrigens viele Ressourcen kostet, war ein eminent wichtiger Faktor in der Evolution des Homo sapiens. Diese Verlängerung des geschützten Stadiums war eine direkte Folge des evolutionären Gehirnwachstums und ging schrittweise Hand in Hand mit ihm. Das eine ist ohne das andere nicht denkbar bzw sinnlos. Die “Ablenkbarkeit”,  diese Offenheit für alles Neue, diese extreme Lernbereitschaft des Menschen im langen Kindheitsstadium hat sich evolutionär entwickelt und ist damit genetisch festgelegt. Das kann man Kindern nicht abtrainieren.

Nichts gegen einen Verkehrs- und Fahrradunterricht. Im Gegenteil. Davon jedoch eine “Fahrbahntauglichkeit” der Kinder zu erhoffen, das ist, als wenn man mit Gender-Mainstreaming das “Fertilitätspotential” der Männer aktivieren und so sinkende Geburtsraten bekämpfen wollte. Männer sind keine Frauen und Kinder keine “kleinen Erwachsenen”.

Das Interview zeigt deutlich, das hat der ADFC HH nicht verstanden – oder nicht verstehen wollen.

 

 

 

 

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