The winner takes it all

Ich informiere mich des Öfteren auf britischen Radseiten wie As Easy As Riding Bike, Kats Dekkers Spatial Fairness, Cities Fit For Cycling (The Times) u.a. Es ist erfrischend zu sehen, wie straight, wie unideologisch und wie praktisch die Briten das Thema Radfahren angehen. (Siehe auch Evidenzbasierte Politik oder How and how not to become a Fahrradstadt. Zwei Beispiele.)

Wer mal in GB Rad gefahren ist, der weiß, dass es dort eine Alltags-Radkultur wie bei uns schlicht nicht gibt. Es gab lange so gut wie keine innerstädtische Radinfrastruktur. Radrouten zwischen Städten folgen abseitigen, verkehrsarmen Wegen. Radfahren war Sport oder Freizeitvergnügen.

Mir scheint das an der angelsächsischen Kultur zu liegen. Man ist dort  weniger als bei uns auf Ausgleich bedacht. The winner takes it all. Und Gewinner war lange Zeit das Kfz.

The times they are a changing. Das Kfz trägt in GB nur noch wenig zur Wertschöpfung bei. Und das mit fallender Tendenz. Die Wertschöpfung findet nunmehr woanders statt. Geblieben sind GB die immensen volkswirtschaftlichen Kosten des ehemals erwünschten Kfz-Abusus wie unwirtliche Städte, eine grotesk raum- und kostenfressende vorzuhaltende Infrastruktur für fließenden und parkenden Individualverkehr, Gesundheitsschäden durch Fettleibigkeit und Abgase, unproduktive Zeitvernichtung durch Staus usw.

Für die gesamte Legislaturperiode bis 2020 plant Schatzkanzler Osborne  Kürzungen im Haushalt von 37 Milliarden Pfund. Betroffen sind auch Investititionen in den Radverkehr. Noch 2013 sprach Kanzler Cameron davon, dass er eine cycling revolution starten wolle.

CS1 at Old Street

In Bau: Cycle-Superhighway CS1 Tottenham (White Heart Lane) – City of London. Bild TfL

Gegen die Kürzungspläne regt sich Widerstand von unerwarteter Seite. Laut einem Bericht auf der The Times Seite Cities Fit For Cycling erhebt die Wirtschaft, die Fahrrad- und die Autolobby Einspruch gegen die Streichungen im Radverkehr.

CGI of Victoria Embankment with the East-West Cycle Superhighway

In Bau: East-West Cycle Superhighway Tower Hill – Lancaster Gate in London. Bild TfL

In einem Offenen Brief an den Dear Chancellor fordern Unternehmen, unter ihnen Schwergewichte wie GlaxoSmithKline (Pharma),  Sky (TV), Abelio, Virgin Trains (Eisenbahn), Orange (Telekommunikation), National Grid (Energie), British Land (Immobilien) mit insgesamt 250.000 Beschäftigten gemeinsam mit Radlobbyisten die Fortschreibung und Aufstockung der Infrastrukturprogramme für den Rad-und Fußverkehr. Auch AA, die Automobile Association ist mit im Boot.

CGI of CS5 across Vauxhall Bridge

Fertiggestellt: Cycle Superhighway 5 Oval – Pimlico, London. Bild TfL

Aus dem Offenen Brief (eigene Übersetzung):

Physische Inaktivität trifft uns alle. Sie kostet dem Land 47 Mrd Pfund pro Jahr (ca 70 Mrd €)… Es sagt viel, dass 20% der Schulkinder unter Fettleibigkeit leiden und eins von vier denkt, dass Computerspielen als Bewegung zählt.Mehr Radfahren wird unsere Städte angenehmer, lebenswerter, weniger verstaut, weniger verschmutzt, gesünder, fröhlicher und prosperierender machen. Daran wollen wir gemeinsam mit der Wirtschaft, der Öffentlichkeit und der Regierung arbeiten. …Wir fördern das Umsteigen unserer Beschäftigten aufs Rad und wir haben etwas gelernt dabei. Die meisten wollen mehr radfahren, aber unsere Straßen sind ihnen nicht sicher genug. …

1. Sicherstellung der Finanzierung des Ausbaus von Rad- und Fußverkehr auch nach dem Auslaufen des Local Sustainable Transport Fund.

2. Einen Ausgabenpuffer von mindestens 10-20 Pfund [15-30 €] pro Jahr und Kopf um die bisherige Steigerung des Radverkehrs fortzuschreiben.

3. Gemeinsam mit dem Transportministerium und bevor der Haushalt 2016 verabschiedet wird, muss  ein umfassender und voll finanzierter Plan erarbeitet werden – eine Rad- und Fußverkehr-Investitionsstrategie -, inklusive landesweiter Richtlinien, um unsere Straßen radfahrsicher zu machen, mit mehr getrennten Radspuren und mit Radparkplätzen. [Dieser Plan, die cycling and walking investment strategy, ist unter Federführung von Robert Goodwill, Staatssekretär für Radverkehr (Unglaublich! Wo gibt’s denn sowas?!), in Arbeit. Die Regierung ist durch das Infrastrukturgesetz verpflichtet, einen 5-Jahresplan zur Verdoppelung des Radverkehrs vorzulegen.]… Wir glauben, dass dieses moderate Investment Britannien vor einer teuren Gesundheitskrise bewahren und schon kurzfristig Arbeitsplätze schaffen wird. Es wird uns auf dem Weg zu einer gesünderen, glücklicheren, fokussierteren und besser ausgebildeten Generation helfen. ….

Die Unterzeichner des Offenen Briefes sind im ChooseCyclingNetwork organisiert. Dieses Netzwerk gibt es seit Anfang 2015. Es wird sich zweimal im Jahr getroffen, um neue und innovative Wege zu diskutieren und zu finden, um die Cycling Agenda voranzutreiben.

There are clear benefits for our staff, our customers and our businesses in putting cycling at the heart of transport policy….

Evidence shows that if people are presented with safe and accessible routes to their place of work, many of them will make that choice, saving them money, improving their fitness and cutting their journey time.

Ja, und Aldi ist seit September auch dabei.

Ich schätze, in 10 bis 15 Jahren ist GB in puncto nachhaltigem Verkehr und liveability an uns vorbeigerauscht.

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