LKWs und Radlerinnen – Eine unheimliche Singularität

Image №1

Radfurt Behringstr. Foto: Hamburger Klönschnack/Louisa Heyder (Thanks to Tim Holzhaeuser)

 

Am 12. Dezember letzten Jahres wurde die Schulleiterin des Altonaer Elite-Gymnasiums Christianeum (1738 von Christian VI von Dänemark zum Gymnasium Academicum aufgewertet) an der Behringstr. von einem linksabbiegenden Lkw überrollt.

Sie kam mit dem Leben davon, ihr musste jedoch in Folge des Unfalls ein Bein amputiert werden. Der Fahrer ist nach wie vor flüchtig und konnte demzufolge noch nicht befragt werden. Trotzdem wird davon ausgegangen:

Ein abbiegender Lastwagenfahrer übersah die Radlerin … (Hambg. Klönschnack)

… sodass der Unfallfahrer die Schulleiterin wohl nicht bemerkt hatte. (Hamb. Abendblatt)

Kann sein, kann nicht sein.

Das Hamburger Abendblatt (“Schulleiterin überrollt: Unfall schockiert das Christianeum” googeln) entblödete sich nicht, fettgedruckt zu fragen:

Hatte die Schulleiterin Licht am Fahrrad?

Auch über einen Rotlichtverstoß der Schulleiterin wird im HA spekuliert. Bekannt ist auch dem HA, dass in Hamburg die Rotlichtverstöße des Kfz-Verkehrs dramatische Ausmaße angenommen haben. Rote Ampeln zu überfahren, das ist für Kfz-Führer in Hamburg so normal, wie 60 oder 70km/h statt 50  zu fahren. Schon 2012 forderte sogar der ADAC mehr Kontrollen.

Hamburg, Stadt der Rotlichtsünder (HA)

Besonders besorgt ist der ADAC auch wegen der Ergebnisse der Autofahrer an den getesteten Straßenkreuzungen….Als Reaktion auf die Ergebnisse fordert der ADAC mehr Kontrollen in den Hauptverkehrszeiten, mehr Kontrollen durch mobile und stationäre Anlagen an Unfallschwerpunkten.

Passiert ist seitdem nichts, das Problem hat sich verschlimmert. Fußgänger und Radfahrer sind in Hamburg durch rotlichtmissachtende Autofahrer auf das Höchste gefährdet. Auf dem Fb-Profil der Hamburger Polizei zu einer im Voraus angekündigten (!) Rotlicht-Kontolle wird von vielen Kommentatoren (Pkw-Fahrer?) besonders auf Lkw verwiesen, die oft das Rotlicht missachten würden.

Meine Erfahrung als langjähriger Ganzjahresradler in Hamburg sagt mir, dass Missachtung mindestens ebenso wahrscheinlich ist wie Übersehen . Schon oft habe ich erlebt, dass ein abbiegender LKW-Fahrer mir die Vorfahrt nimmt und das  auch trotz – oder wegen? – des vielgerühmten Blickkontakts. Eine auffällige statistische Besonderheit legt sogar, über Missachtung hinausgehend, bei vielen Abbiegeunfällen Lkw vs Radler bedingten Vorsatz (Eventualvorsatz) nahe.

Wann liegt ein Eventualvorsatz vor?
Unter Umständen kann es sein, dass ein Täter bestimmte Konsequenzen seines Handelns nicht beabsichtigt hat, diese aber dennoch im Rahmen seiner Handlung billigend in Kauf genommen hat….Generell kann für den Eventualvorsatz und auch die Fahrlässigkeit aber gesagt werden, dass die bewusst fahrlässig handelnde Person mit den erkannten Folgen nicht einverstanden ist und möglicherweise auch darauf vertraut, dass diese nicht eintreten werden. (Aus: Juraforum)

Doch dazu weiter unten. Zunächst zur Missachtung.

Einmal, es ist ca ein Jahr her, ist es mir gelungen, einen Lkw-Fahrer zur Rede zu stellen. Ich war zwar etwas aufgebracht, denn mein Bremsmanöver brachte mich dazu, auf dem Vorderrrad zu balancieren und ich konnte nur knapp ein Absteigen über den Lenker hinweg (= vor den LKW) vermeiden. Trotzdem gelang es mir, mit dem Fahrer ein einigermaßen ruhiges Gespräch zu führen. Der LKW-Fahrer war anscheinend Pole, vielleicht auch Weißrusse (polnisches Kennzeichen). Er war ob des Beinahe-Unfalls sehr erschrocken.

Letztlich war es ein klassisches interkulturelles Missverständnis – mit fast bösen Folgen für mich. Er, der Lkw-Fahrer, hatte “extra” Blickkontakt aufgenommen  und damit eine (für ihn) zusätzliche Sicherheitsleistung vollbracht, um sich abzusichern, dass ich ihm Vorfahrt gewähre. Ich hatte Blickkontakt aufgenommen, um mich abzusichern, dass er mir Vorfahrt gewährt. Wir konnten das klären.

Das Problem Abbiegeunfälle LKw vs Radfahrer geht aber weit über das Problem der unterschiedlichen nationalen Verkehrskulturen hinaus. Auch deutsche Lkw-Fahrer, so meine Erfahrung, vermeiden oft absichtlich den Blickkontakt, biegen bewusst offensiv ab und vertrauen dabei auf die Vernunft und die Bremsbereitschaft des Radlers – und auf die faktische Macht des Stärkeren.

Das geht oft schief. Denn es gibt einen starken zivilisatorischen Gegenimpuls. Bei Frauen.

Es ist ein gut gehütetes Geheimnis in der Männerwelt des deutschen Straßenverkehrs, dass vor allem radfahrende Frauen von Lkw-fahrenden Männern getötet werden. Die BASt (Bundesanstalt für Straßenwesen, Bundesministerium für Verkehr) stellt in ihrer Untersuchung “Gefährdung von Fußgängern und Radfahrern an Kreuzungen durch rechts abbiegende Lkw” von 2004 im Kap. 4.2.3 fest:

Die in die untersuchten Unfälle verwickelten ungeschützten Verkehrsteilnehmer waren zum großen Teil Radfahrer (78 von 90, Bild 42) und stammen aus allen Altersklassen, Bild 43. Das weibliche Geschlecht ist bei den Fußgängern/Radfahrern deutlich häufiger (> 60 %) als das männliche vertreten, Bild 44. Diese Verteilung von etwa 1 : 2 (Männer : Frauen) entspricht nicht der in der amtlichen Statistik ausgewiesenen Verteilung für Radfahrer (etwa 2 : 1). [Hervorhebung von mir]

Frauen als ungeschützte Verkehrsteilnehmer unterliegen demnach einer ca. 4mal höheren Wahrscheinlichkeit als Männer, von einem Lkw überfahren zu werden . Das ist verblüffend und alarmierend, denn bekanntlich neigen Frauen weniger zum Risiko als Männer und sind deshalb in den Verkehrsunfall-Statistiken unterrepräsentiert.  Einer auch nur irgendwie gearteten Ursachenforschung und dementsprechend  gezielten Gegenmassnahmen sind die Radfahrerinnen der BASt (Bundesverkehrsministerium) nicht wert. Noch nicht einmal zu einer Erwähnung in der Kurzfassung oder in der Präsentation der Studie reicht ihr hochsignifikantes geschlechtsspezifisches Risiko aus.

Wir haben es nicht mit einem rein deutschen Problem zu tun.

Der Guardian schreibt am 21.5.2010:

 Women cyclists ‘at greater risk from lorry deaths’
Ten of the 13 people who died in cycling accidents in London last year were women. … In 2007, a leaked report by Transport for London’s road safety unit noted that 86% of the women cyclists killed in London between 1999 and 2004 collided with a lorry. By contrast, lorries were involved in 47% of deaths of male cyclists.The study was blunt in its conclusions: “Women may be over-represented in (collisions with goods vehicles) because they are less likely than men to disobey red lights.”

Von den Lkw-Fahrern ist nicht die Rede. Das Problem der Frauen soll sein, dass sie mehr als Männer die Verkehrsregeln beachten.

Das halte ich für keine hinreichende Erklärung. Das Problem geht tiefer. Das Verhältnis von Frauen und Öffentlicher Raum ist schon immer gespannt, das ist zuletzt durch die sog. Sylvesterereignisse einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden.

Frauen, vor allem selbstbewusste Frauen, wie sie auch auf dem Rad unterwegs sind, verhalten sich im öffentlichen Raum  anders als Männer. Frauen sind immer in Gefahr, Übergriffen ausgesetzt zu sein. Einerseits wegen ihrer sexuellen Anziehungskraft auf Männer,  andererseits wegen ihrer körperlichen Unterlegenheit. Durch den bei Säugetieren verbreiteten Geschlechterdimorphismus (Männchen sind zumeist größer und kräftiger als Weibchen) sind sie im Allgemeinen nicht in der Lage, sich körperlich gegen Übergriffe durchzusetzen.

Für Frauen, die sich selbstbewusst in der Öffentlichkeit bewegen, ist deshalb ein zivilisiertes Verhalten der Männer eine Voraussetzung und zwar eine conditio sine qua non (“Bedingung ohne die [es] nicht [geht]”). Die durchgehende Geltung des Rechts auf körperliche Unversehrtheit ist für sie ungleich wichtiger als es bei Männern der Fall ist. Denn das Recht und seine  Verbindlichkeit auch im öffentlichen Raum sind ihr einziger Schutz.

Dieses Recht nie und unter keinen Umständen in Frage zu stellen, das ist Frauen “einsozialisiert”, denn das würde für sie den Verlust der Bewegungsfreiheit bedeuten. Frauen müssen gegenüber ihrer Umgebung offensiv  auf die Einhaltung dieses Rechts bestehen. Jedes Zulassen einer Ausnahme bedeutet das Entstehen eines unkalkulierbaren Risikos und eine Einschränkung ihres Bewegungsraums in der Öffentlichkeit.

Männer sind toleranter gegenüber Regelverletzungen.  Sie wissen, dass schiere Power pepaart mit körperlicher (und auch juristischer) Unverletzlichkeit zwangsläufig zu einer gewissen Rücksichtslosigkeit führen. Sie identifizieren deshalb den Lkw  schon aus dem Augenwinkel als Gefahr, gegen die im Zweifel nur ausweichen hilft.

Bei den Unfällen Lkw vs radfahrende Frauen treffen also zwei gegensätzliche Prinzipien aufeinander: Einmal die Frauen, die in ihrem Recht auf Unversehrtheit und damit Bewegungsfreiheit keine Ausnahme zulassen können und zum anderen der Lkw-Fahrer, der als unverletztlichster und stärkster aller Verkehrsteilnehmer immer mal wieder von allen anderen die Anerkennung und Unterordnung unter seine Ausnahmestellung einfordert. Mit Gewalt.

Anders gesagt: Die Tolerierung dieses Verhaltens der Lkw-Fahrer, das durch das längst haltlos gewordene “Toter Winkel”-Argument und generell geringe Strafen für Tötungsvergehen im Straßenverkehr praktisch straffrei gestellt ist, diese Toleranz ist ursächlich für die hohen weiblichen Opferzahlen bei den gefürchteten Lkw vs Radler – Unfällen.

Im Straßenverkehr ist das ganze Jahr über Sylvester.

Advertisements
This entry was posted in Uncategorized. Bookmark the permalink.

5 Responses to LKWs und Radlerinnen – Eine unheimliche Singularität

  1. christoph silber says:

    ein großer LKW fährt meist zuerst geradeaus in die Kreuzung ein (holt aus) wenn er abbiegt. Möglicherweise rechnen Frauen damit weniger wie Männer, üblicherweise sind auch eher Männer LKW-Fahrer und wissen dass ein zunächst geradeausfahrender LKW durchaus auch noch plötzlich abbiegen kann…

    Like

    • Hallo Christoph.
      Ich glaube nicht, dass, prozentual gesehen, ein großer Teil männl. Radler einen LKW-Führerschein besitzt.Der Einfachheit halber zitiere ich als Antwort eine Zuschrift aus der taz:

      anamolie

      @Vorstadt-Strizzi [aka Blogbetreiber]
      Die Argumentation im verlinkten Artikel finde ich sehr schlüssig. Der Mann als Radfahrer sieht sich im Straßenverkehr eher auf einem Kampfplatz und das macht ihn gefahrenmäßig aufmerksamer als die Frau. Anderseits verhält sich der Mann in der Stellung des Autofahrers eben wie der Kämpfer in Ritterrüstung und wird darin leichtsinnig gegenüber Schwächeren. Plausibel !
      http://www.taz.de/Lkw-ueberrollt-Radfahrerin/!5307057/

      Like

  2. Andreas Kuhn says:

    Eine Korrelation ist keine Kausalität!
    2014 “Von den 396 getöteten Fahrradbenutzern waren 71 % männlich und 29 % weiblich.” Erschreckend, nicht wahr?
    “Das weibliche Geschlecht ist bei den Fußgängern/Radfahrern deutlich häufiger (> 60 %) als das männliche vertreten,”
    Daraus könnte man aber auch folgern, dass Frauen die Situation oft falsch einschätzen oder sich falsch verhalten.

    Like

    • Stimmt. Eine Korrelation ist
      1. immer ungerichtet, also spiegelbildlich und
      2. oft durch eine dritte, vielleicht nicht beobachtete Größe vermittelt.

      Aus einer Korrelation kann man nie eine Kausalität ableiten.
      Est die zum Thema gehörende Theorie macht aus der Korrelation eine Kausalität.

      Die Theorie, dass “Frauen die Situation oft falsch einschätzen oder sich falsch verhalten” wird meiner Meinung nach dadurch falsifiziert, dass Frauen ansonsten durch signifikant geringere Unfallbeteiligungen als Männer auffallen.

      Like

  3. Borwin says:

    Deiner Argumentation kann ich nicht in allen Teilen folgen, aber leider gibt Dir das aktuelle Geschehen schon wieder recht.

    Liked by 1 person

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s