Bündnis für (Verlagerung des) Radverkehr(s auf die Fahrbahn) oder Und täglich grüßt das Murmeltier. Teil I

Vor knapp 10 Jahren, im Jahre 2008, als Hamburgs Grüne vor dem jetzigen rotgrünen Senat letztmalig mitregierten, wurde eine große “Fahrrad-Offensive” angekündigt, damals auch “Rad-Revolution” genannt.

Zur Erinnerung: Hamb. Abendblatt vom 18.03.2013 (bei Lesesperre Warten auf die Fahrrad-Schnellstrecken googeln)

Dabei wurde sie schon vor fünf Jahren angekündigt, die große “Fahrrad-Offensive”, auch “Rad-Revolution” genannt. Doch was hat sich in der Stadt seither getan? Viele Radwege sind in einem schlechten Zustand und die Velorouten, die bereits Mitte der 1990er-Jahre geplant wurden, sind immer noch nicht fertiggestellt.

Das Ergebnis dieser “Rad-Revolution” war eine weitere Verschlechterung der Bedingungen für einen inklusiven Radverkehr.


Für Nicht-Hamburger: Die Velorouten, ein in den 90ern geplantes strahlenförmiges Netz von Radverkehrsverbindungen Richtung Hamburger City, sind ein spezielles Hamburger Unikum. Auch wenn es sich anders anhört, sie sind keinesfalls zum Radfahren gedacht. Ihr Daseinszweck ist es, als Untote durch die Hamburger Politik zu geistern. Das Versprechen auf “Fertigstellung der Velorouten” dient seit Mitte der 90er als feststehende Metapher, um die  Fahrradfreundlichkeit  jeder Hamburger Regierung, ganz egal welcher Coleur, unter Beweis zu stellen. Dass sie längst nicht mehr zeit- und bedarfsgemäß sind, dass andere Städte das Prinzip der Velorouten längst zu Radschnellwegen, bzw Fietssnellweg, Cykkelsupersti und Cyclesuperhighways weiterentwickelt haben, das Alles kann bei Untoten naturgemäß keine Rolle spielen.


Ebenfalls aus dem Jahr 2013 stammt der Artikel aus der Hamburger Morgenpost, in dem die wesentlichen Inhalte der neuen rotgrünen Politik der “Fahrradstadt”, nämlich der ersatzlose Rückbau der für einen inklusiven Radverkehr unabdingbaren geschützten Radinfrastruktur, formuliert und vorweggenommen werden, von der damals noch mit absoluter Mehrheit regierenden SPD.

Radwege-Rückbau SPD schickt Hamburgs Radler auf die Straße

Bei den Radlern gehen die Meinungen auseinander, ob es im fließenden Verkehr zwischen den Autos für sie sicherer ist. Aber die SPD ist überzeugt von ihrem Vorstoß. “Am sichersten ist das Radfahren auf der Straße”, sagt die verkehrspolitische Sprecherin der SPD, Martina Koeppen. “Daher gibt es ja auch für die meisten Radwege gar keine Benutzungspflicht mehr.”… Außerdem wird geprüft, welche Radwege ersatzlos zurückgebaut werden können, um dann mehr Platz für Fußgänger zu schaffen.

Der Beitrag der Hamburger Grünen besteht demnach im Wesentlichen darin, der originär SPD-Radverkehrspolitik das Etikett “Fahrradstadt” verpasst zu haben. Folgerichtig sind sie, entgegen allen politischen Gepflogenheiten, auch nicht im Senat für ihr Hauptwahlkampfprojekt, der “Fahrradstadt”, verantwortlich. Das Verkehrsressort verblieb in SPD-Hand. Dass die Grünen vom SPD-Bürgermeister Scholz von der Umsetzung der “Fahrradstadt” so vollkommen ausgeschlossen wurden, dass sie noch nicht einmal einen der beiden Staatsräte (Staatssekretär auf hamburgisch) in der zuständigen Verkehrsbehörde stellen durften, das war ein nur mühsam zu kaschierender Affront.

Dieser Streit, wer sich denn nun den Erfolg an das Revers heften darf, die Hamburger Radler als “Spaßbremse” entweder auf die Fahrbahn zu zwingen oder sie, als Alternative, dazu zu bringen, das Rad stehen zu lassen, dieser Streit führte zu den Auseinandersetzungen um das “Bündnis für Radverkehr”, in dem die Grünen für eine stärkere Beteiligung der Bezirke stritten. Denn in den nachgeordneten Bezirken mit nur marginaler Haushaltskraft sind die Grünen stärker vertreten als in der Bürgerschaft.

Hamb. Abendblatt vom 12.05.16 (“Bezirke bremsen Hamburgs Fahrradfahrer aus” googeln wg Lesesperre)

Aber natürlich wurde sich geeinigt, schließlich sind die Unterschiede zwischen SPD und Grünen in der Radverkehrspolitik wirklich nur für Experten wahrnehmbar.

Hamb. Abendblatt vom 19.03.2016 (Hamburg schließt “Bündnis für den Radverkehr”)

Ausbau der Velorouten und Bezirksradwege, Verlagerung des Radverkehrs mit Extraspuren auf die Straßen, bessere Parkmöglichkeiten für Fahrräder, Winterdienst für Radwege und Ausbau des StadtRad-Leihsystems – das sind die zentralen Vorhaben, mit denen Rot-Grün Hamburg zu einer echten “Fahrradstadt” umbauen will.

Taz vom 23.06.2016 (Hamburger sollen Radfahren)

Hauptgegenstand des Bündnisses sind die bereits ausgewiesenen sogenannten Velo-Routen, die den Alltagsverkehr bündeln und „ganzjährig und ganztägig sicher, zügig und komfortabel befahrbar sein“ sollen, … [“komfortabel” an letzter Stelle]*

Dabei sollen, „wo immer es sinnvoll und möglich ist“, Radfahr- und Schutzstreifen auf die Fahrbahn gemalt werden. Nicht mehr benötigte Radwege sollen abgebaut werden – etwa in Tempo-30-Zonen, wo grundsätzlich auf der Fahrbahn gefahren werden soll.

*Einschub von mir.

Die Verlagerung des Radverkehrs auf die Fahrbahn hat bisher in keiner einzigen Stadt auf der Welt zu einer Erhöhung des Radverkehrsanteils beigetragen. Im Gegenteil, alle, ausnahmslos alle verfügbaren Studien und Vorher-Nachher Vergleiche zeigen, dass vor dem motorisierten Verkehr baulich geschützte Radinfrastruktur die Anzahl der Radfahrer rapide erhöht, ihr Altersspektrum beträchtlich ausweitet und ihre Sicherheit wesentlich besser gewährleistet.
Aus diesen Gründen wird überall in der Welt, wo sich Bevölkerung und Politik für eine nachhaltige urbane Verkehrspolitik entscheiden und den Radverkehr zur ersten Säule des Individualverkehrs machen wollen (“Fahrradstadt”),  vornehmlich auf baulich geschützte Radinfrastruktur gesetzt.

Hamburg geht den umgekehrten Weg.  Warum? Dazu mehr im nächsten Beitrag.

 

 

 

 

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One Response to Bündnis für (Verlagerung des) Radverkehr(s auf die Fahrbahn) oder Und täglich grüßt das Murmeltier. Teil I

  1. Tim says:

    Ich fahre lieber auf der Straße, weil, da
    – kann ich schnell fahren
    – sind selten Fußgänger die auf dem Radweg herumstehen
    – sehen mich Autofahrer besser
    – kommen mir nie Geisterradfahrer entgegen
    – stehen selten Mülltonnen im Weg
    – laufen/radeln keine kleinen Kinder kreuz und quer
    – laufen nie Hunde herum, wo die Leine womöglich noch quer über den Radweg gespannt ist
    – kann ich Langsamfahrer leichter überholen
    – lassen sich Falschparker leichter abschleppen

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