Hamburgs Schüler: Geringe Bildungschancen bei sehr hohem Adipositas- und bundesweit höchstem Ritalinrisiko.

Die in Vorbereitung auf das sogenannte Zentralabitur am 13.12.2016 geschriebenen Matheklausuren endeten in einem vorhersehbaren Desaster für Hamburgs Schüler und Schülerinnen. Sie wären durchgefallen. 4,1  ist die Durchschnittsnote der Hamburger Schüler. 42,6% der Schüler schrieben eine 5 oder eine 6. Noch einmal 10,6% eine 4 minus. Die Zensurendurchschnitte an den Schulen reichten von 3,2 bis hin zur glatten 6 (Spannweite der Durchschnitte aller teilnehmenden Schüler einer Schule).
Doch eigentlich durchgefallen sind nicht die Schülerinnen und Schüler (SuS). Sie sind die Opfer. Durchgefallen ist Hamburg – genauer: Hamburgs politische und wirtschaftliche Führung.

Denn das Problem ist nicht neu. Auch bei dem Grundschulvergleich TIMMS (Trends In International Mathematics and Science Study), dem innerdeutschen Vergleich IQB, bei der KERMIT -Längsstudie durch verschiedene Alterstufen schneidet Hamburg seit Jahren zuverlässig schlecht ab.

Dem neuerlichen Mathe-Schock soll nun (mal wieder) mit mehr Mathestunden, qualifizierterem Lehrpersonal und Lehrerausbildung, verbesserter Didaktik und Methodik im Unterricht usw begegnet werden. The same procedure as every year for decades. Bisher haben alle derartigen Anstrengungen und Versprechungen nichts, null, nada geändert.

Es gibt jedoch drei mit den Matheleistungen der Hamburger SuS umgekehrt proportional korrelierende, im Zusammenhang mit den Matheleistungen konsequent unter dem Wahrnehmungsradar gehaltene Erhebungen, die auf ein tiefer liegendes strukturelles Problem hindeuten. Auf ein Problem, das mit den Bordmitteln der Bildungspolitik nicht zu fassen ist.

1. Hamburg befindet  sich beim Anteil übergewichtiger und adipöser Kinder in der Spitzengruppe der Bundesländer (Adipositas: 4,9%, bundesweit dritthöchster Wert, Übergewichtigkeit: 11,4%, vierthöchster Wert)

blau

Zuordnung von Matheleistungen zum Anteil adipöser Kinder nach Bundesländern

Übergewicht und Adipositas sind die Folgen von Fehlernährung und Bewegungsmangel. Bewegungsmangel in der Stadt hat viele Ursachen. An erster Stelle steht die Platzkonkurrenz mit der immer noch anhaltenden, von der Politik gegen den Willen der Bevölkerungsmehrheit geförderten Zunahme des innerstädtischen Kfz-Verkehrs. U.a. führt aber auch die Attraktivität der modernen Medien auf Kinder vermehrt zu sitzender Freizeitgestaltung. Relativ gesehen wird durch die neuen Medien die Unwirtlichkeit der äußerlichen Umgebung verstärkt. Sieht man Übergewicht und Adipositas als negative Entwicklung, dann müsste man die Attraktivität der ‘Draußen-Aktivität’ auf Kinder erhöhen bzw ‘Draußen-Aktivität’ ermöglichen.

2. Hamburg ist unter allen Bundesländern führend bei der Verschreibung der umstrittenen Droge Ritalin.

Die Welt am 21.07.2013:

Hamburgs Kinder schlucken die meisten ADHS-Pillen

Hamburg ist bundesweiter Spitzenreiter bei der Verschreibung des Präparats Ritalin. Die Verordnungsrate des Wirkstoffs liegt nach einer Studie rund 50 Prozent über dem Bundesdurchschnitt.
Hamburgs Schulkinder nehmen im bundesweiten Vergleich die meisten Medikamente gegen die Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung ADHS. Die Hansestadt sei Spitzenreiter bei der Verschreibung des umstrittenen Präparats Ritalin, teilte der Verband der Ersatzkassen (vdek) am Mittwoch mit.

ADHS ist auch als ‘Zappelphilipp-Syndrom’ bekannt. Es handelt sich dabei um eine komplexe Entwicklungsstörung, die sich in motorischer Unruhe, geringer Frustrationstoleranz, mangelnder Selbstkontrolle und teils hoher Aggressivität äußert.

Es ist nicht geklärt, ob ADHS eine reine Reifungsstörung bzw. -verzögerung ist oder ob ein funktionelles Defizit im motorischen System zu Grunde liegt.
Therapiert wird oft mit dem Wirkstoff Methylphenidat (Ritalin). In der Wirkungsweise ähnelt es dem Kokain. Ritalin kann Kindern mit ADHS ein relativ normales Leben  inklusive sozialer Kontakte ermöglichen. Es gibt eine ganze Reihe von Nebenwirkungen. Für am schädlichsten halte ich die oft eintretenden Persönlichkeitsveränderungen (“Aber die Kinder sind natürlich nicht mehr so lebendig wie vorher.“) und die Erfahrung des Kindes, Lern- und Lebensprobleme durch die Anwendung von Drogen zu lösen.

Körperliche Mobilisierung ist immer Bestandteil von ADHS-Therapien. Unter den konservativen Therapien ohne Medikamenteneinsatz sind ganz besonders die Therapien erfolgreich, die auf umfangreiche und gezielte Bewegungsangebote setzen.

Die Sportwissenschaftlerin Dr. Sabine Kubesch in einem lesenswerten Referat:

“Dabei profitieren insbesondere die sogenannten exekutiven Funktionen [*] von akuter muskulärer Beanspruchung und insbesondere von einer gesteigerten körperlichen Leistungsfähigkeit. Die exekutiven Funktionen Arbeitsgedächtnis, Inhibition und kognitive Flexibilität haben einen großen Einfluss auf die schulische Leistungsfähigkeit – unabhängig vom und stärker als der Intelligenzquotient der Schüler. Gleichzeitig stehen schlecht ausgebildete exekutive Funktionen der Heranwachsenden in Zusammenhang mit der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADS/ADHS), mit Schulabbruch, Drogenmissbrauch und Kriminalität….

Im deutschen Bildungssystem ist das Wissen um die Bedeutung exekutiver Funktionen für eine optimale Förderung der Kinder und Jugendlichen weitgehend unbekannt. Bislang wissen nur wenige Schulakteure von diesen zentralen Gehirnfunktionen und davon, wie man diese kognitiv aber auch körperlich trainieren und damit Einfluss auf die schulische Lernleistung sowie die sozial-emotionale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen nehmen kann.”

[*] Zu den exekutiven Funktionen des Gehirns zählen unter anderem:

  • das Setzen von Zielen,
  • strategische Handlungsplanung zur Erreichung dieser Ziele,
  • Einkalkulieren von Hindernissen auf dem Weg dahin,
  • Entscheidung für Proritäten
  • Impulskontrolle und emotionale Selbstkontrolle,
  • das Arbeitsgedächtnis
  • bewusste Aufmerksamkeitssteuerung,
  • zielgerichtetes Initiieren, Koordinieren und Sequenzieren von Handlungen,
  • motorische Umsetzung, Beobachtung der Handlungsergebnisse und Selbstkorrektur. ——
    (Wikipedia) Das ist Vieles von dem, was  ADHS-Kindern nur eingeschränkt verfügbar ist.

3. und ursächlich:

Das überholte Verständnis der Hamburger Wirtschaft und Politik vom Stadtgebiet Hamburg als überregionalem (Kfz-) Verkehrsknoten führt zu einer extremen Marginalisierung aller anderen Verkehre. Darunter leidet allen voran der kindliche Mobilitäts- und damit der kognitive Entwicklungsraum von Kindern.

Siehe zum Beispiel die Fahrradklima-Tests, bei denen Hamburg regelmässig auf den hintersten Plätzen landet.

Wissenserwerb

Der Erwerb von Wissen, Kenntnissen und Fähigkeiten ist ein kumulativer Prozess. Er knüpft dabei immer an vorhandene Strukturen an, ergänzt und erweitert diese (Hüther 2001). Gleichzeitig sind Wissen, Kenntnisse und Fähigkeiten jedoch auch potentiell und intuitiv sehr umfangreich vorhanden, in Form von stammesgeschichtlichen und individuellen Entwicklungs- Erfahrungen. Diesem Grundmuster folgt auch das Erlernen der Mathematik.

Weshalb gerade Mathematik? Die Entwicklung des Gleichgewichts. Eine evolutionäre Erfolgsstrategie

Lange, bis etwa 1920, dachten die Anthropologen, dass das große Gehirn den Unterschied zwischen Menschenaffen und Menschen ausmache. Heute ist klar, es ist der aufrechte Gang. Der aufrechte Gang, die Entdeckung und Herstellung des Gleichgewichts auf der körperlichen Ebene, geht  der Gehirnentwicklung voraus und scheidet Mensch vom Affen.

Die Stabilisierung des Körpers in dieser äußerst labilen Position unter den verschiedensten Bedingungen verlangt eine hohe Einsicht (Internalisierung)  in die Mathematik des labilen Gleichgewichts durch das Systems Körper/Gehirn. Die Entdeckung und die Beherrschung des Gleichgewichts, diese erste, noch mehr körperliche als geistige,  mathematische Erfahrung ist eine  Voraussetzung für das nachfolgende Gehirnwachstum, denn so und nicht anders ist die Reihenfolge der Entwicklung. Je entwickelter der aufrechte Gang in der Geschichte der Menschheit ist, je höher die Ausrichtung von Fuß (-gewölbe) über Knie, Becken, Wirbelsäule und Verbindung Kopf/Wirbelsäule (Gehirn/Rückenmark) an die Erfordernisse des Gleichgewichts, desto größer wird das Gehirnvolumen. Die Entwicklung des Denkvermögens aus der Erfahrung des Gleichgewichts ist eine evolutionäre Erfolgsstrategie.

faustkeile

Aus: ‘The characteristics and chronology of the earliest Acheulean at Konso, Ethiopia,’ siehe Link im Text. Thanks to PNAS.

Die technologische und die kulturelle Evolution sind ohne die Grunderfahrung des Gleichgewichts, dieses Grundgesetzes der Mathematik, nicht vorstellbar, angefangen beim Faustkeil des Homo Erectus vor 1,75 Mill Jahren (Das Bild zeigt eindrucksvoll, wie frühe Steve Jobs über die Jahrhunderttausende der Acheuléen-Faustkeil-Kultur die Form der Faustkeile immer flacher werden lassen und sie funktional-geometrisch und damit auch ästhetisch entwickeln) und bei den ersten Religionen, die Einteilung der Welt in duale, sich im Gleichgewicht haltende Gegensätze. Noch heute wird eine der größten Errungenschaften der Menschheit, die Herrschaft des allgemeingültigen Rechts, diese Voraussetzung und Grundlage aller Zivilisation, als Justitia mit der Waage in der Hand dargestellt. Recht (und damit Zivilisation) ist nicht nur dem Wortstamm nach: rechnen, Gleichgewicht.

Das psychogenetische Grundgesetz

Dem 1866 von Ernst Haeckel beschriebenen biogenetischen Grundgesetz (‘Der Mensch wiederholt in der Embryonalentwicklung die Stammesgeschichte’) folgt das 1904 von Stanley Hall beschriebene psychogenetische Grundgesetz: Der Mensch wiederholt die Stammesgeschichte in seelisch-geistiger Hinsicht.
Phylogenetisch, das ist stammesgeschichtlich,  begann die Menschwerdung, die Ablösung der Gattung Homo vom Stamm der Menschenaffen, mit dem aufrechten Gang. Ontogenetisch, das ist auf der Ebene der Entwicklung des menschlichen Individuums, ist dies bis heute ein großer Tag.

Wer einmal ein kleines Kind erleben durfte, wie es, plump noch,  mit allem Willen und aller Anstrengung, wieder und wieder und durch keine Rückschläge zu entmutigen um seine Balance auf seinen zwei Beinchen kämpft und wie es schließlich, hochkonzentriert und am Ende, vor Stolz und Glück und Lebenslust fast platzend, seine ersten Schritte schafft, wer das miterlebt, der kann eine Ahnung bekommen vom nachhaltigen Einfluss des Gleichgewichts, der (Körper-) Mathematik auf die menschliche Evolution.

Die Beherrschung der uns umgebenden physikalischen Bedingungen wie Gravitation und Fliehkräfte durch das mühsame, von vielen Rückschlägen und Schmerzen begleitete, durch das bewusste, durch den intrinsischen Willen zum Lernen geleitete Herstellen des Gleichgewichts ist eine der Sternstunden (stammesgeschichtlich: der Beginn) des menschlichen Lebens. Herstellen des Gleichgewichts – nichts Anderes ist Mathematik. Der Gang auf zwei Beinen, diese mühsame, gegen die Gravitation einer ganzen Welt errungene Herstellung des Gleichgewichts, die uns als Lohn eine neue Welt des Denkens und der Abstraktion eröffnet,  kann deshalb auch als Anfang und gleichzeitig als Triumph der Mathematik interpretiert werden.

Den Schatz der Stammesgeschichte heben

Die mühsam im Laufe der Stammesgeschichte erworbenen (mathematischen) Fähigkeiten stehen uns nur begrenzt automatisch zur Verfügung. Wir müssen sie uns quasi im Zeitraffer ontogenetisch, als individuelle Entwicklung aneignen, je nach individuellem Vermögen. Wir müssen sie von der bloßen Möglichkeit in konkrete Fähigkeit umwandeln, wenn wir nicht Ausnahmen wie z.B. Stephen Hawkings sind. Um das stammesgeschichtlich akkumulierte Wissen je nach Individualität optimal auszuschöpfen und es maximal in intuitives Wissen, in am z.B. im Matheunterricht anknüpfbares Wissen zu verwandeln, muss sich das Kind viel und regelmässig bewegen. Es muss Gleichgewichtserfahrungen machen.

Siehe auch Sibley und Etnier, 2003. ‘The Relationship between Physical Activity and Cognition in Children: A Meta-Analysis

The purpose of this study was to quantitatively combine and examine the results of studies pertaining to physical activity and cognition in children….As a result of this statistical review of the literature, it is concluded that there is a significant positive relationship between physical activity and cognitive functioning in children.

Eine Sportstunde mehr wird’s nicht bringen. Kinder brauchen zugängliche und alltägliche Mobilitätsräume und Mobilitätsgelegenheiten, um ihr Entwicklungspotential mobilisieren und ausschöpfen zu können. Eine geeignete und logische Möglichkeit ist die Erschließung der Wegebeziehungen zwischen Wohn- Spiel- und Sportstätten und den Schulen mittels Schulradwegen. Dies würde allerdings ein Umdenken in der bisherigen Hamburger Radverkehrspolitik erfordern, die den bisher in Ansätzen noch vorhandenen kindlichen Mobilitätsraum in Form von vom Kfz-Verkehr abgetrennten Radwegen schließt bzw ihn, nun für Kinder unerreichbar, auf die Fahrbahn verlegt. Die Anlage bzw der Ausbau Kinder inkludierender Infrastruktur ist auch die materielle Voraussetzung für eine erfolgreiche Kampagne gegen den für die kognitive Entwicklung der Schüler so schädlichen Elternbringeverkehr.

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