Geisterradler

When I see an adult on a bicycle, I do not despair for the future of the human race. ~H.G. Wells

Ehrlich gesagt, ist mir dieser Hype um sog “Geisterradler” immer ziemlich unverständlich geblieben, deshalb musste ich, nach einer Diskussion auf Velophil (siehe Post 35 von Quineloe), jetzt doch mal darüber nachdenken.

Schon den Begriff “Geisterradler” finde ich offen gesagt pervers nicht angemessen. Er stellt Radfahrer, die z.B. einen Radweg entgegen der vorgeschriebenen Fahrrichtung benutzen, sprachlich auf die Ebene von Autofahrern, die auf der Autobahn in selbstmörderischer und mörderischer Weise in falscher Richtung unterwegs sind (“Geisterfahrer”). Und er stellt diese Radfahrer nahezu mit den Mahnmalen für im Verkehr getötete Radler gleich, mit”Geisterrädern”. Vielleicht ist “nicht angemessen” der falsche Ausdruck. “Hysterisch” passt auch. Wie dem Kfz-Fetischisten jeder Radler selbstverständlich bei Rot radelt, so sind vielen Sportradlern alle anderen Radler zumindest potentielle “Geisterradler”. Gemeinsam ist dem “Rotradler” und dem “Geisterradler” eins: Er ist “der Andere”. Aber dazu weiter unten.

Definition

“Geisterradler” ist, wer den Radweg oder den -streifen, eher selten die Fahrbahn, entgegen der vorgeschriebenen oder freigeggebenen Richtung radelt.

Ich kenne keinen Radfahrer, der nicht zumindest gelegentlich in falscher Richtung unterwegs ist. Alle Radfahrer, die ich kenne oder im Verkehr beobachte (und die in der allergroßen Mehrheit nicht bei Rot radeln), kreuzen z.B. beim Linksabbiegen die Fahrbahn zuerst, bei der die Ampel zuerst Grün zeigt. Die vorgeschriebene Fahrtrichtung ist da völlig Banane.

Ein anderes Beispiel. Ich bin fast täglich in Lurup unterwegs. Zu meinen täglichen Ritualen gehört die Kaffeepause bei der Bäckerei am Eckhoffplatz/Luruper Haupt. Ich komme vom Stückweg. Korrekterweise müsste ich ersteinmal 300 m in die falsche Richtung zum Überweg Ackerstieg radeln. Dann 900 m zum Übergang Lüttkamp, sodann 150 m wieder zurück.  1450 m für eine Strecke von  450 m, nur weil am Stückweg kein Überweg ist, obwohl sich dort auch eine Bushaltestelle befindet. Wenn jetzt der vorhandene Radweg auch nur ansatzweise ausgelastet wäre, ich also einen Haufen Leute nerven würde mit meiner Falschfahrerei, das wäre ein Argument. Dem ist aber nicht so. Mehr als 3 Radfahrer kommen mir dort auf den besagten 450 m selten entgegen und für die mache ich selbstverständlich rechtzeitig und eindeutig Platz. Ist auf dem Fußweg Verkehr, so halte ich auch mal an. Kein Problem.

Anders herum habe ich selbst (fast) nie Probleme mit den sog. “Geisterradlern”, wenn ich mal von dem dreirädrigen Liegerad absehe, dessen Fahrer mir mehrmals auf der Luruper mit 25-30km/h, rücksichtslos alles aus der Spur fiedelnd, entgegenkam. Beim dritten Mal habe ich angehalten und mein Rad einfach quergestellt. Er schaffte es mit Panik im Blick haarscharf am Lichtmast vorbei. (Ja, ja, war natürlich eine saublöde Aktion meinerseits. Nur um recht zu behalten (“stand my ground“), die Verletzung eines anderen in Kauf zu nehmen, das zeugt auch nicht gerade von Zivilisiertheit.)

Das sog. “Geisterradeln” speist sich aus drei Ursachen:

  • es gibt, gerade bei mehrspurigen Fahrbahnen, zu wenig Querungsmöglichkeiten
  • es gibt dort zu wenig Querungshilfen wie z.B. Sprunginseln, bepflanzte oder schraffierte Mittelstreifen
  • die Fahrradwege sind oft nicht im Mindesten ausgelastet, das Verbot des Falschradelns erscheint dort unsinnig
  • rücksichtsloses Verhalten einiger weniger Radfahrer

Den Hype um die und die Verteufelung der “Geisterradler” erklärt das nicht, denn, nach meinem Erleben, sind wir erstens alle ein bisschen Bluna, zweitens sind weit über 90% der Falschfahrer rücksichtsvolle Zeitgenossen und drittens, einer der vielen Vorteile des Radfahrens, man kann auch während der Fahrt kommunizieren.

Ich hege den Verdacht, dass, wie oben angedeutet, die Konstruktion des bösen “Geisterradlers” viel mit dem aus der Soziologie und besonders aus dem Postkolonialismus bekannten Konzept des “Anderen” zu tun hat.

“Der Andere”, das ist immer der, der kulturell unter mir steht. Ihm gegenüber ist (fast) alles erlaubt: Im Zweifel  dient es seiner “Erziehung”. Der defizitäre Andere, hier: der Geisterradler, gibt mir, in der Gegenüberstellung, eine positiv konnotierte Identität. Und, vielleicht am wichtigsten, seine Konstruktion generiert eine positive Gruppenidentität und trägt so zum Zusammenhalt der Gruppe bei. Man kann  sich wann immer Bedarf ist über ihn unterhalten, sich dabei der gemeinsamen Abgrenzung zu ihm versichern, so den Zusammenhalt der eigenen Gruppe stärken und die vermeintlich hohe kulturelle Stufe der eigenen Gruppe immer neu erfahren. Mir scheint schien dies die Hauptfunktion des auffällig viel diskutierten Themas “Geisterradler” zu sein.

Schien, denn jetzt kommt  ein weiterer Punkt hinzu.

Betrachtet man nämlich die verkehrsrechtliche Seite des  “auf der falschen Seite radeln”, so bekommt man schnell den Eindruck einer Kampagne zur weiteren “Entschuldung” der Kfz-Führer, hier zu Lasten der Radfahrer.

Noch 1986 entschied das BGH:

Ein Radfahrer auf der Vorfahrtstraße behält auch dann sein Vorfahrtrecht gegenüber kreuzenden oder einbiegenden Fahrzeugen, wenn er den linken von zwei vorhandenen Radwegen benutzt, der nicht nach StVO § 2 Abs 4 S 2 für die Gegenrichtung freigegeben ist….Nur eine solche Regelung entspricht dem im Straßenverkehr vorrangigen Sicherheitsbedürfnis, das insbesondere in Fragen der Vorfahrt klare und sichere Verkehrsregeln und deren strenge einfache Auslegung verlangt.

Diese höchstrichterliche Rechtsauffassung wurde, unter ständiger Begleitmusik einer Anti “Geisterradler” Kampagne besonders aus Kreisen der Sportradler sowie von “Verkehrssicherheitsspezialisten” (UDV & Co) und Presse bis heute sehr weit ausgehöhlt. Seit langem ist nicht mehr das abbiegende Kfz gefährlich, sondern der “Geisterradler”. Ihn trifft neuerdings, mit anschwellendem Bocksgesang in immer noch zunehmenden Maße, die Schuld.

Der ZEIT-Blog Velophil (nur als Beispiel für unzählige Fahrrad!-Blogs)

Geisterradler auf dem Radweg

Eine Untersuchung der Unfallforschung der Versicherer (UDV) zum Thema Abbiegen hat ergeben, dass etwa 15 Prozent der Radfahrer regelwidrig links fahren. Eine Untersuchung der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) von 2009 geht von einem noch höheren Wert von 20 Prozent aus. Geisterradeln ist extrem gefährlich und eine der Hauptunfallursachen auf dem Rad. Autofahrer rechnen nicht mit Radfahrern von links und kollidieren mit ihnen häufig an Kreuzungen und Ausfahrten.

Hervorhebung von mir, das Wort “Geisterrradler” existiert im Duden zwar nicht, macht aber klar, dass die Autofahrer mit solch einer Spezies natürlich überhaupt nicht rechnen können, von müssen ganz zu schweigen. Und soweit kommt das noch, Vorfahrt für Geisterrradler oder gar anderen eine Schuld am eigenen Fehlverhalten zuschieben wollen.

Bußgeld für leichtsinnige Geister-Radler

(Die Welt)

26.09.2014 – Fahrradfahren auf dem falschen Radweg ist brandgefährlich. Trotzdem kamen Geisterradler ohne Bußgeld davon.

(tz.de › Autoseite)

Die Kampagne trägt Früchte. Auch vor Gericht findet eine massive Verschiebung der Verantwortung statt. Die Grundsätze des Verkehrsrechts, nämlich “insbesondere in Fragen der Vorfahrt klare und sichere Verkehrsregeln und deren strenge einfache Auslegung verlangt” (BGH) einerseits und das hohe Rechtsgut des Vorrangs des fließenden Verkehrs vor dem ein- oder abbiegenden Verkehr anderseits gilt für Radfahrer nicht mehr. Das Verkehrslexikon

  • OLG Bremen v. 11.02.1997: Radfahrer, die entgegen StVO § 2 Abs 4 S 2 einen für die Gegenrichtung nicht freigegebenen links neben der Fahrbahn einer Hauptstraße verlaufenden Radweg befahren, haben gegenüber aus untergeordneten Nebenstraßen von rechts einbiegenden Verkehrsteilnehmern keine Vorfahrt.

  • OLG Hamm v. 26.05.1998: Auch bei einem Vorfahrtrecht des den Radweg in falscher Richtung benutzenden Radfahrers muss er sich ein hälftiges Mitverschulden dann anrechnen lassen, wenn der Radweg von dem aus der untergeordneten Straße kommenden Fahrzeug vollständig versperrt ist und der Radfahrer versucht, nach Ausweichen auf die Fahrbahn die Einmündung noch vor diesem Fahrzeug zu passieren.

  • OLG Saarbrücken v. 13.01.2004: Entscheidend für die Haftung des aus der untergeordneten Straße Kommenden ist im Falle einer Kollision mit einem – verbotswidrig – von rechts kommenden Radfahrer nicht die formale Frage, ob dieser vorfahrtberechtigt war oder nicht. …Daher kann die Frage der Vorfahrtberechtigung für die Frage der Haftung letztlich offen bleiben. In diesen Fällen ist ohne nähere Beweisaufnahme allein auf Grund der unstreitigen Tatsachen eine Haftungsquotierung von 50:50 angemessen.

  • AG München v. 05.06.2009: Der den Radweg in falscher Fahrtrichtung benutzende Radfahrer verliert nicht sein Vorfahrtrecht; jedoch trifft ihn eine Mithaftung von einem Drittel, wenn es im Kreuzungsbereich zu einem Zusammenstoß mit einem wartepflichtigen, nach rechts abbiegenden Kfz kommt.

  • AG Köln v. 15.11.2013: Bei einem Zusammenstoß zwischen einem wartepflichtigen Kfz und einem den Radweg in verkehrter Fahrtrichtung benutzenden vorfahrtberechtigten Radfahrer haftet der Radfahrer zu 40% für den eingetretenen Schaden mit.

270% :5 = 54% im Durchschnitt überwiegende Schuld beim Radfahrer. Schon mal Glückwunsch. Damit ist das Ende der Fahnenstange jedoch sicherlich noch nicht erreicht.

Im September letzten Jahres wurde dann das vormalige Bussgeld von 15€  auf 20 bis 35 € (mit Sachbeschädigung) festgelegt. In der Drucksache der Länderkammer heißt es zur Begründung:

„Das Befahren von Radwegen in nicht zulässiger Richtung ist ein oft vorkommendes Fehlverhalten mit hohem Unfallrisiko und Gefahrenpotenzial.“

Liebe Anti-Rad-Campaigner, liebe Länderkammer, warum nicht gleich kurz und knackig:

„Das Fahren mit Fahrrädern ist ein oft vorkommendes Fehlverhalten mit hohem Unfallrisiko und Gefahrenpotenzial.“

Steter Tropfen höhlt den Stein. Mir selbst geht es wie H.G. Wells: Ich freue mich über jeden Radfahrer, den ich sehe.

Was ich mich frage: Wer lanciert und befeuert derartige Kampagnen, die zu Lasten nahezu aller Radfahrer gehen und dadurch, dass der Kfz-Führer immer weniger aufmerksam sein muss, das Radfahren ständig noch gefährlicher machen?

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